Radkutsche Best practice: Der Umzug mit dem RAPID aufs Land

Der Umzug mit dem RAPID aufs Land

August 2025 :: Radkutsche kommt

Mein Radkutsche RAPID landet sanft mit der Spedition - das Papphäuschen ist unbeschädigt. Ich packe aus, steige auf und kenne das erste Projekt mit dem neuen Lastenrad: Mein Umzug aufs Dorf. Elf Kilometer entfernt vom nächsten Laden, der Paketstation, der Tagesmutter des kleinen und 16 Kilometer entfernt von der Schule des großen Kindes… Ob das (gut) geht? Ein Selbstversuch!

September :: Beschaffenheit der Strecke 

Der Umzug mit dem RAPID passiert in einer Woche. Die Strecke zwischen Kleinstadt und Dorf führt entlang eines baulich von der Landstraße getrennten Radweges durch Wald und Wiesen, vorbei an Seen. Mal geht’s bergauf. Mal geht’s bergab. Der Schulweg ist auf autofreien Wegen machbar. Toll! Die “Kein Winterdienst”-Schilder gucken mich an. Ich gucke zurück. Die letzten zwei Kilometer vor dem Haus - wo ich zur Zwischenmiete wohne - mäandern entlang eines Sees auf einer sehr schmalen Bundesstraße. Hier ist zum Teil 30er Zone. Und 50er. Autos müssen hier 2 Meter Überholabstand halten oder hinter mir bleiben. Müssten. Am Fahrbahnrand erinnert ein Kreuz an ein Unglück. Wir passieren die Stelle zweimal täglich. Ein Kerzerl brennt. Ich habe ein unfassbar schlechtes Gewissen und einen unfassbar hohen Puls. Diese kurze Etappe ist extrem schön. Und extrem gefährlich. Wir nennen sie das Haarnadel-Stück.

Oktober :: Neue Routinen

Seit September sind wir an 4 von 7 Tagen die Woche min. 25 max. 40 Kilometer geradelt. Unser Alltag hat sich umstrukturiert. Alles dreht sich um die Bringe/Hol-und Einkaufs-Logistik. Etwas vergessen? Is’ nich. Für eine Strecke brauche ich 40 Minuten. Das RAPID ist der Knaller! Zwei Kinder, das komplette Schul- und Tagesmutter Setup, eine Tasche fürs Frühstück, eine Tasche fürs Nachmittags-Picknick, eine Büro-Tasche mit Mittagessen passen locker rein. Nachmittags fährt der Einkauf oder Pakete von der Packstation mit. Frühstück für die Kinder gibt’s im Fahrrad. Ich backe Müslikekse. Die Mädchen teilen sich eine Dose. In der Kabine dudelt ein Hörspiel. Wir begrüßen Kühe, Hühner, Kraniche. Wundervoll! Und es regnet. Ich professionalisiere mein Outfit. In eine weitere Tasche packe ich Büroklamotten, da ich unter dem Regenzeug schwitze. Ende Oktober rolle ich bei Sonnenaufgang das Rad aus der Garage. Der erste Rauhreif. Ich muggle die Kinder in zwei Wollwalksäcke. Ich trage Wollwalkhose und Anorak. Die Auto- und Busfahrer an der Haarnadelstelle kennen uns. Sie wissen, dass wir das RAPID an der einzig möglichen Stelle rechts ran fahren und sie in der Kolonne vorbeiziehen können. Truckergruß! Ehrensache.


November :: Letzte Laterne 

Mit der Zeitumstellung kehrt die Dunkelheit in unsere Touren ein. Nachmittags fahren wir nach der Kleinstadt-Ortstafel an der “letzten Laterne” vorbei. Dann tauchen wir für 25 Minuten ein in die pechschwarze Waldstrecke. Vorbeifahrende Autos ziehen Lichtstreifen. Ich montiere eine Lichterkette in der Kabine. Die kann blinken! Wir beginnen morgens und abends laut zu singen. Rutschiges Laub? Wind? Regen? Hallo! Rehe, Wildschweine, Raubvögel - wir zischen an ihnen vorbei, mal jodelnd - mal andächtig - mal ein Schrei vor Schreck. Eine Freundin sagt mir, dass Wölfe Radfahrenden hinterher jagen würden, weil das Tempo den Jagdtrieb aktiviert. Ok. Dann gibt es die erste, gefährliche Situation am Haarnadelstück. Ich raste völlig aus. Spreche mit der Polizei. Und entscheide, fortan eine alternative Strecke über den Hügel mit Wald zu fahren - das ist 1,5 km mehr über desolates Kopfsteinpflaster, Sand und bei etwa 11% Steigung bzw. Gefälle. Das kostet mich nicht nur ein paar Minuten, sondern auch Kraft und dem Rad ein ganzes “Akkustricherl”. Doch es fühlt sich sicherer an. Ich kann mich auf’s RAPID verlassen. Die Kinder und ich taufen es “Grüne Welle”.

Dezember :: Erster Schnee

Spikes oder nicht? Schwalbe Pick up oder doch was anderes? Ich beschäftige mich das erste Mal in meinem Leben ernsthaft mit der Wahl der richtigen Reifen auf meinem Lastenrad. Ich brauche ein stabiles, sicheres Fahrgefühl - Schnee und Glätte am Kopfsteinpflaster und über Wurzelwerk im Wald haben es in sich - vor allem mit schunkelnden Kindern in der Kabine. Ich packe Reparaturzeug ins Cargobike, Sitzkissen, Notfall-Müsliriegel und morgens eine Wärmeflasche. Ich trage Warnweste, winke beim Linksabbiegen mit einer Neonweste. Ich kaufe mir einen neuen Helm. Beim ersten Schnee kann ich keine Fotos machen. Die Fahrt braucht volle Konzentration. Wo ist die Skibrille? Wir sausen durch einen weiß glitzernden Winterwald. Ziehen die erste Spur im Schnee… ich erinnere mich an meine Kindheit in Österreich und singe - zum Leid der Kinder - tagelang Schifoan von W. Ambros. Auch die Kormorane am zugefrorenen See kucken. Das Eis spricht. Hjollalamm!

Januar :: Körper. Kuchen. Kind krank.

Zu meiner großen Überraschung ist dies der erste Winter seit Jahren, in dem mich kein dauerhafter Atemwegsinfekt quält. Ich atme tief durch und bin völlig frei von grippalen Infekten. Dass ich jeden Tag minimum ein-zwei riesen Stück Kuchen verzwicke sieht man mir nicht an. Ich esse unfassbar viel. Mit knallroten Bäckchen und knallgrünem RAPID rauschen wir durch den Brandenburger Winter. Ende Januar meldet sich zart der Frühling. Es ist, als könnten wir an einem Morgen das Läuten der Schneeglöckchen im Wald hören. Eisvogel, Schwanpaar und Käuzchen sind unsere Weggefährten. Und doch fehlt was: Seit dem Landversuch sind soziale Kontakte viel weniger geworden. Die Große kann ihren Schulweg nicht selbst zurücklegen. Was für eine Kindheit ist das? Als das kleine Kind krank wird, ist’s kompliziert. Ich habe das erste Mal das Gefühl, Logistik dominiert unser Leben und es darf absolut nix - nicht - nach Plan laufen. Trotz lieber Freunde aus dem Nachbardorf, die uns etwa einmal die Woche mit einer Schulfahrt unterstützen - weiß ich - so geht das nicht weiter. Als die Kleine dann nachts sehr hoch fiebert bin ich im Stand-By mit den Nachbardorf-Freunden und ich weiß: Landleben ohne Auto, das geht so nicht.

Februar :: Frühlingsmotivation

Im Februar fällt dem kleinen Kind der Faschingskrapfen aus der Kabine. Nachmittags sind einmal die Frühstück-Müslikekse im Rad gefroren. Auch die Krümel frieren, weil ich vor lauter Frühlingsmotivation zu wenig Decken dabei habe. Der Plan, zurück in die Kleinstadt zu ziehen, ist klar anvisiert.

März :: Matsch

Während ich am ersten warmen Wochenende unendlich viel Matsch aus der Region zwischen Schutzblech und Reifen meines RAPIDs pule, ziehe ich Resümee: Das Lastenrad braucht dringend neue Bremsbeläge und eine Reinigung - sonst hat es den Winter schadenfrei überstanden - wie wir drei. Autofrei auf dem Land ist machbar. Man muss es wirklich wollen. Aber man braucht - neben einem absolut verlässlichen Rad mit viel Packvolumen - ein solides soziales Netz und Backup…

 

 

Danke Karen von Runde Reise für deinen Erfahrungsbericht!

Alle Fotos © Karen Rike Greiderer